Lehm statt Zement: Warum Fachwerk atmen muss
Von Jens-Uwe Korn, Zimmermeister · 09.10.2026 · 9 Min. Lesezeit

„Fachwerk muss atmen“ – diesen Satz hört man oft. Gemeint ist nicht, dass Luft durch die Wand strömt. Gemeint ist, dass Feuchtigkeit, die in die Wand gelangt, auch wieder herauskommen muss. Genau das verhindern viele Baustoffe, die im 20. Jahrhundert beliebt wurden: Zementputz, Dispersionsfarbe, Beton in den Gefachen oder dampfdichte Dämmungen. Die Folgen zeigen sich oft erst nach Jahren – als morsche Schwellen, faule Zapfen oder abplatzender Putz.
Dieser Ratgeber erklärt ohne Fachchinesisch, wie Feuchtigkeit in einer Fachwerkwand wandert, warum traditionelle Materialien wie Lehm und Kalk so gut zum Holz passen und worauf Sie bei Sanierung und Dämmung achten sollten.
Ein bisschen Bauphysik – einfach erklärt
Eine Fachwerkwand besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen: dem Holzgerüst und den Gefachen, also den Feldern dazwischen. Holz und Ausfachung bewegen sich bei Wärme, Kälte und Feuchte unterschiedlich. Deshalb entstehen an den Fugen dazwischen zwangsläufig feine Risse, durch die bei Schlagregen Wasser eindringen kann. Das lässt sich nicht ganz verhindern. Entscheidend ist, dass die Wand schneller trocknet, als sie nass wird.
Kapillarität: Wasser wandert durch feine Poren
Denken Sie an ein Stück Würfelzucker, das man in Kaffee hält: Die Flüssigkeit steigt durch die feinen Poren nach oben. Diesen Effekt nennt man Kapillarität. Lehm, Kalkputz und Holzfaser haben solche feinen Poren. Sie können flüssiges Wasser aufnehmen, verteilen und an die Oberfläche leiten, wo es verdunstet. Ein kapillaraktiver Baustoff zieht Feuchtigkeit also vom Holz weg, statt sie dort stehen zu lassen.
Diffusion: Wasserdampf wandert durch das Material
Neben flüssigem Wasser gibt es Wasserdampf, also Feuchtigkeit in der Luft. Im Winter ist die Raumluft wärmer und feuchter als die Außenluft, der Dampf will deshalb von innen nach außen durch die Wand. Wie leicht er durchkommt, beschreibt der sogenannte sd-Wert: Je kleiner er ist, desto „offener“ ist eine Schicht. Lehm- und Kalkputze lassen Dampf gut durch, Zementputz und viele Kunstharzfarben deutlich schlechter.
Lehm als Feuchtewächter
Lehm stellt sich bei normalem Raumklima auf einen deutlich niedrigeren Feuchtegehalt ein als Holz. Liegen beide eng aneinander, gibt das Holz Feuchtigkeit an den Lehm ab. Lehm wirkt dadurch eher trocknend auf das Holz. Hinzu kommt: Lehm und Holz verhalten sich bei Feuchteschwankungen ähnlich „weich“. Kleine Fugen, die sich bilden, sind weniger problematisch als bei hartem, starrem Zement.
Was Zementputz, Dispersionsfarbe und falsche Dämmung anrichten
Zementputz
Zementputz ist hart, steif und vergleichsweise dicht. Auf einer Fachwerkwand, die sich ständig etwas bewegt, bekommt er Risse – vor allem an den Holzanschlüssen. Regenwasser läuft hinein, kann aber durch den dichten Putz kaum wieder verdunsten. Hinter dem Putz entsteht ein dauerhaft feuchtes Milieu, in dem Holz fault, ohne dass man es von außen sieht. Wird ein ganzes Fachwerkhaus mit Zement überputzt, sind die Schäden beim Abschlagen oft erheblich.
Dispersionsfarbe und Kunstharzanstriche
Dispersions- und Kunstharzfarben bilden einen Film auf der Oberfläche. Auf Holz und Gefach behindern sie das Abtrocknen. Feuchtigkeit sammelt sich darunter, die Farbe blättert ab, und das Holz bleibt nass. Für Fachwerk werden deshalb mineralische Anstriche (zum Beispiel Kalk- oder geeignete Silikatfarben) auf den Gefachen und offenporige Anstriche wie Leinölfarbe auf dem Holz empfohlen.
Dampfdichte oder falsche Innendämmung
Wer Fachwerk von innen mit Polystyrol, dampfdichten Platten oder einer Folie dämmt, ohne die Bauphysik zu prüfen, riskiert Tauwasser in der Wand – also Feuchtigkeit, die sich dort niederschlägt, wo es kalt wird. Gleichzeitig kann die Wand nach innen nicht mehr austrocknen. Das Holz sitzt dann zwischen einem dichten Innenaufbau und einer schlagregenbeanspruchten Außenseite fest.
Geeignete Materialien für Fachwerk
- Lehm: als Strohlehm auf Staken oder Flechtwerk, als Lehmsteine in den Gefachen und als Lehmputz innen. Lehm ist kapillaraktiv, diffusionsoffen und gut mit Holz verträglich.
- Leichtlehm: Lehm mit Zuschlägen wie Stroh, Holzhäckseln oder mineralischen Leichtzuschlägen. Er dämmt besser als schwerer Lehm und eignet sich für Ausfachungen und Vorsatzschalen.
- Kalk: Kalkputze und Kalkanstriche sind diffusionsoffen und kapillaraktiv. Sie sind der traditionelle Außenputz auf Gefachen.
- Holzfaser: Holzfaserdämmplatten gibt es in kapillaraktiven Ausführungen für die Innendämmung. Sie werden meist mit Lehm- oder Kalkputz beschichtet.
- Zellulose: Eingeblasene Zellulose dämmt Hohlräume, zum Beispiel im Dach, in Decken oder hinter Vorsatzschalen. Sie kann Feuchtigkeit puffern; im Wandaufbau eines Fachwerkhauses muss ihr Einsatz aber bauphysikalisch geplant werden.
- Leinölfarbe für das Holz: dringt ein, bildet keinen dichten Film und lässt sich gut nacharbeiten.

Gefachsanierung: Schritt für Schritt
Sind Gefache beschädigt oder mit ungeeigneten Materialien gefüllt, lohnt sich eine Sanierung. Dabei gilt der Grundsatz: so viel Originalsubstanz wie möglich erhalten. Ein typischer Ablauf:
- Bestand prüfen: Welches Material steckt im Gefach? Ist es intakt? Wie ist der Zustand des Holzes ringsum?
- Ungeeignete Füllungen wie Beton, Porenbeton oder Bauschaum entfernen, ohne das Holz zu beschädigen.
- Holz reparieren, bevor neu ausgefacht wird – sonst wird ein Schaden eingeschlossen.
- Neu ausfachen, zum Beispiel mit Lehmsteinen, Leichtlehm oder Strohlehm. Der Anschluss ans Holz erfolgt über Nuten, Dreikantleisten oder Staken.
- Putzen mit Kalk- oder Lehmputz in dünnen Lagen. Der Putz schließt bündig oder leicht zurückliegend zum Holz ab, damit Wasser abläuft und nicht auf einer Kante stehen bleibt.
- Mineralischer Anstrich auf dem Gefach, offenporiger Anstrich auf dem Holz.
Bei stark schlagregenbelasteten Wetterseiten kann ein sichtbares Fachwerk an seine Grenzen kommen. Dann wird mitunter ein hinterlüfteter Wetterschutz, etwa eine Holzverschalung oder Behang, geprüft – bei Baudenkmälern immer in Abstimmung mit der Denkmalbehörde.
Innendämmung im Fachwerk: kapillaraktiv statt dicht
Sichtfachwerk kann man außen nicht dämmen, ohne sein Gesicht zu verändern. Deshalb wird häufig von innen gedämmt. Das funktioniert, wenn einige Regeln beachtet werden:
- Kapillaraktive Systeme wählen, zum Beispiel Holzfaser, Leichtlehm oder Kalziumsilikat, die anfallende Feuchtigkeit verteilen und wieder abgeben können.
- Maßvoll dämmen: Je dicker die Innendämmung, desto kälter wird die Wand dahinter. Die passende Stärke hängt vom Wandaufbau und der Schlagregenbelastung ab und sollte rechnerisch geprüft werden.
- Vollflächig und hohlraumfrei anbringen, damit keine Luftschicht entsteht, in der sich Tauwasser sammelt.
- Außenseite in Ordnung bringen: Fugen zwischen Holz und Gefach schließen, Schlagregenschutz verbessern. Eine Innendämmung verträgt keine nasse Außenwand.
- Anschlüsse an Balken, Fenster und Innenwände sorgfältig planen – hier entstehen die meisten Probleme.
Für Fachwerk gibt es eine eigene Reihe technischer Merkblätter der WTA (Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege), die Reihe 8 „Fachwerkinstandsetzung nach WTA“. Merkblatt 8-1 behandelt die bauphysikalischen Anforderungen an Fachwerkgebäude, Merkblatt 8-5 die Innendämmung. Diese Merkblätter gelten als anerkannter Stand der Technik. Für komplexere Fälle empfehlen sie, den Feuchteschutz rechnerisch zu prüfen, zum Beispiel mit einer hygrothermischen Simulation.
Vorteile fürs Raumklima
Lehm- und Kalkoberflächen sind nicht nur gut für das Holz. Sie können Feuchtigkeit aus der Raumluft aufnehmen und später wieder abgeben. Das gleicht Spitzen aus, zum Beispiel nach dem Duschen oder Kochen. Viele Bewohner empfinden das Raumklima in Lehmhäusern als angenehm ausgeglichen. Lehm ist außerdem frei von Lösemitteln, lässt sich reparieren und am Ende wiederverwenden. Kalk wirkt durch seine Alkalität zudem Schimmel entgegen.
Fazit
Fachwerk bleibt gesund, wenn Feuchtigkeit wieder hinauskann. Lehm, Kalk und kapillaraktive Dämmstoffe arbeiten mit dem Holz zusammen, Zement, Kunstharz und dampfdichte Schichten arbeiten gegen es. Wer saniert, sollte deshalb nicht nur auf Dämmwerte schauen, sondern auf das Zusammenspiel aller Schichten – und vorhandene Fehler aus früheren Sanierungen nach Möglichkeit zurückbauen.
So unterstützt Sie die Zimmerei Korn
Jens-Uwe Korn ist Zimmermeister und staatlich geprüfter Techniker für Baudenkmalpflege und Altbauerhaltung. Seit 1998 saniert er Fachwerkhäuser in Schaumburg, Minden und dem Weserbergland. Er prüft mit Ihnen den vorhandenen Wandaufbau, repariert geschädigte Hölzer und bespricht, welche Ausfachung und Dämmung zu Ihrem Haus passt – einschließlich Zellulose-Dämmtechnik dort, wo sie sinnvoll ist. Rufen Sie gern an: 0171 7533074.
Häufige Fragen
Muss ich alten Zementputz vom Fachwerk entfernen?
Nicht in jedem Fall sofort. Wenn sich aber Risse, Abplatzungen oder Feuchteflecken zeigen oder das Holz dahinter geschädigt ist, ist ein Rückbau meist sinnvoll. Wie dringend das ist, lässt sich nach dem Öffnen einiger Stellen und einer Prüfung des Holzes beurteilen.
Kann ich Fachwerk von innen dämmen?
Ja, mit geeigneten, kapillaraktiven Systemen wie Holzfaser, Leichtlehm oder Kalziumsilikat und in maßvoller Stärke. Wichtig sind eine trockene, schlagregengeschützte Außenseite und sorgfältig geplante Anschlüsse. Das WTA-Merkblatt 8-5 beschreibt die Anforderungen.
Ist Lehmputz auch außen geeignet?
Lehm ist nicht wasserfest. Außen wird er deshalb meist nur an geschützten Stellen eingesetzt oder mit einem Kalkputz bzw. Kalkanstrich geschützt. Auf der Wetterseite ist Kalkputz in der Regel die bessere Wahl.
Welche Farbe eignet sich für das Fachwerkholz?
Bewährt sind offenporige Anstriche wie Leinölfarbe. Sie bilden keinen dichten Film und lassen das Holz abtrocknen. Lacke und Dispersionsfarben sind für Fachwerkholz ungeeignet.
Darf ich bei einem Baudenkmal selbst das Material wählen?
Bei Baudenkmälern müssen Veränderungen in der Regel mit der Unteren Denkmalschutzbehörde abgestimmt und genehmigt werden. Das betrifft häufig auch Putz, Farbe und Dämmung. Planen Sie diese Abstimmung frühzeitig ein.
Wird es mit Lehm im Winter kalt?
Schwerer Lehm dämmt allein nicht besonders gut, er speichert aber Wärme und gleicht Feuchtigkeit aus. In Kombination mit Leichtlehm oder einer kapillaraktiven Innendämmung lässt sich der Wärmeschutz deutlich verbessern, ohne die Vorteile des Lehms aufzugeben.


